Afghanistan: Frauen stärken die psychosoziale Versorgung in ihren Gemeinden

Seit Generationen sichert die Teppichweberei vielen Familien in Afghanistan einen Teil ihres Lebensunterhalts. Für zahlreiche Frauen ist sie heute eine der wenigen verbliebenen Möglichkeiten, ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften. Denn ihr Zugang zu Bildung, Erwerbsarbeit und gesellschaftlicher Teilhabe ist massiv eingeschränkt. Gleichzeitig belasten wirtschaftliche Not, anhaltende Menschenrechtsverletzungen, Unsicherheit und eine unzureichende Versorgung mit grundlegenden Dienstleistungen die Menschen in den Webergemeinschaften.

Dr. Wahida während eines Beratungsgesprächs zur psychosozialen Unterstützung mit einer Weberin.

Gesundheit umfasst jedoch mehr als die Behandlung körperlicher Beschwerden. Deshalb haben sich Label STEP und Turquoise Mountain mit der Peace of Mind Association (PoMA) zusammengeschlossen, um Angebote zur Förderung der psychischen Gesundheit und zur psychosozialen Unterstützung in das bestehende gemeindebasierte Gesundheitsprogramm zu integrieren. Die Initiative wird von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) unterstützt.

Fünf Jahre nach der Machtübernahme der Taliban am 15. August 2021 sind die Möglichkeiten für Frauen und Mädchen, eine Ausbildung zu absolvieren, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen und am öffentlichen Leben teilzunehmen, weiter eingeschränkt worden. Auch wenn Afghanistan inzwischen weniger internationale Aufmerksamkeit erhält, prägen die Folgen dieser Einschränkungen weiterhin den Alltag von Millionen Frauen und ihren Familien.

Wie gravierend die psychischen Belastungen sind, zeigen aktuelle Erhebungen von UN Women: Sieben von zehn befragten afghanischen Frauen bewerten ihre psychische Gesundheit als schlecht oder sehr schlecht. 59 Prozent geben an, dass sich ihr psychischer Gesundheitszustand innerhalb der vergangenen sechs Monate verschlechtert hat. Mehr als die Hälfte der Befragten verlässt das eigene Zuhause höchstens zweimal im Monat. Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit kann soziale Isolation zusätzlich verstärken.

Die Ergebnisse verdeutlichen, wie eng psychische Gesundheit mit gesellschaftlicher Teilhabe, wirtschaftlicher Sicherheit und dem Zugang zu grundlegender Versorgung verbunden ist. Für Organisationen, die unmittelbar mit Frauen und Familien zusammenarbeiten, ist psychosoziale Unterstützung deshalb ein wichtiger Bestandteil umfassender Gesundheitsangebote.

 „Sieben von zehn befragten afghanischen Frauen bewerten ihre psychische Gesundheit als schlecht oder sehr schlecht.“

— UN Women, Monitoring the Status of Women Survey (2026)

Die Unterstützung von Teppichweberinnen in Afghanistan muss über die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen hinausgehen. Neben der Überprüfung sozialer Standards, der medizinischen Versorgung und Programmen zur Stärkung der Beschäftigten setzen sich Label STEP und seine Partnerorganisationen auch für die psychische Gesundheit der Menschen in den Webergemeinschaften ein.

Die Initiative baut auf den langjährigen Gesundheitsprogrammen von STEP auf, die Teppichweberinnen und ihren Familien bereits medizinische Grundversorgung, Gesundheitsuntersuchungen und Erste Hilfe bieten.

Das MHPSS-Programm war Teil eines einjährigen Projekts, das Label STEP gemeinsam mit Turquoise Mountain und mit finanzieller Unterstützung der GIZ umsetzte. Es verband die Überprüfung sozialer Standards mit Maßnahmen der gemeindebasierten Gesundheitsversorgung.

Mit der Aufnahme psychosozialer Angebote wurde die bestehende Gesundheitsarbeit um einen wichtigen Bereich erweitert. Für die Entwicklung und Umsetzung arbeitete Label STEP mit der Peace of Mind Association (PoMA) zusammen. Die afghanische Fachorganisation brachte ihre Expertise ein, um international anerkannte Leitlinien an die örtlichen Gegebenheiten anzupassen.

Nach dem Multiplikatorinnenprinzip („Training of Trainers“) schulte das klinische Team von PoMA in Kabul die STEP-Ärztin Dr. Wahida. Diese gab das erworbene Wissen anschließend in Schulungen an 50 Gesundheitshelferinnen weiter, die in Webergemeinschaften der Provinz Bamyan tätig sind und mit Turquoise Mountain zusammenarbeiten. Ein zweisprachiger Lehrplan, praxisorientierte Schulungsmaterialien und die fortlaufende fachliche Begleitung durch PoMA dienen dazu, die Qualität und Einheitlichkeit weiterer Schulungen zu gewährleisten.

Psychosoziale Unterstützung im Alltag der Gemeinden

Gemeindebasierte Gesundheitshelferinnen und -helfer (Community Health Workers, CHWs) sind geschulte Mitglieder der Webergemeinschaften. Viele von ihnen arbeiten selbst in der Teppichherstellung. Sie leisten medizinische Grundversorgung, vermitteln Gesundheitswissen, bieten Erste Hilfe an und stellen den Kontakt zwischen Familien und dem medizinischen Team von Label STEP her.

Die fünftägige Fortbildung erweitert diese Aufgaben um grundlegende Kompetenzen in der psychosozialen Unterstützung. Dazu gehören ein traumasensibler Umgang mit Betroffenen, psychologische Erste Hilfe, Stabilisierungs- und Orientierungstechniken, Stressbewältigung sowie die sichere Weitervermittlung an spezialisierte Fachstellen.

Anhand von Fallbeispielen, Rollenspielen und praktischen Übungen bereiten sich die Teilnehmerinnen auf Situationen vor, denen sie bei ihren Hausbesuchen begegnen können.

Ein traumasensibler Ansatz berücksichtigt, wie sich belastende oder traumatische Erfahrungen auf die psychische Gesundheit und das Verhalten eines Menschen auswirken können. Im Mittelpunkt steht ein respektvoller, empathischer und nicht wertender Umgang mit Betroffenen.

Das Programm orientiert sich an wissenschaftlich fundierten Leitlinien des Inter-Agency Standing Committee (IASC) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Schulungsinhalte entsprechen damit international anerkannten humanitären Standards und werden zugleich an die lokalen Bedingungen in Afghanistan angepasst.

Das Programm orientiert sich am humanitären Grundsatz ‚Do No Harm‘ (‚Keinen Schaden anrichten‘). Dieser zielt darauf ab, unbeabsichtigte negative Auswirkungen von Hilfsmaßnahmen zu erkennen und möglichst zu vermeiden.

Unterstützung für diejenigen, die andere unterstützen

Für Dr. Wahida ist die Fortbildung ein wichtiger Beitrag zum Ausbau der gemeindenahen Gesundheitsversorgung. Sie betont, dass psychische Gesundheit denselben Stellenwert wie körperliche Gesundheit haben sollte. Beide beeinflussen unmittelbar die Lebensqualität, die Fähigkeit zu arbeiten und zu lernen sowie zwischenmenschliche Beziehungen. Psychische Erkrankungen seien zwar nicht immer sichtbar, könnten jedoch „ebenso schmerzhaft und einschränkend sein wie körperliche Erkrankungen“.

Wie dringend solche Angebote benötigt werden, zeigt sich in den Lebensrealitäten vieler afghanischer Frauen.

 „Für viele Frauen ist die Teppichweberei inzwischen weit mehr als ein traditionelles Handwerk. Sie ist eine der wenigen verbliebenen Möglichkeiten, ein Einkommen zu erzielen und ihre Familien zu versorgen“.

— Masoud Shah, Landesvertreter, Label STEP Afghanistan

Die Gesundheitshelferinnen können diese strukturellen Einschränkungen nicht aufheben. Sie können jedoch erste Ansprechpartnerinnen für Menschen in psychisch belastenden Situationen sein, sie bei der Entwicklung von Bewältigungsstrategien unterstützen, bestehende familiäre Netzwerke stärken und bei Bedarf den Zugang zu weiterführender Versorgung ermöglichen.

„Viele Frauen, mit denen wir in den Webergemeinschaften sprechen, berichten von enormen psychischen Belastungen durch den eingeschränkten Zugang zu Bildung, Arbeit und öffentlichem Leben. Deshalb ist die Unterstützung ihrer psychischen Gesundheit heute ebenso wichtig wie die körperliche Gesundheitsversorgung.“

 — Masoud Shah, Landesvertreter, Label STEP Afghanistan

Die Fortbildung vermittelt ihnen, wie sie Anzeichen psychischer Belastungen erkennen, angemessen reagieren und psychologische Erste Hilfe leisten können. Bei Bedarf lernen sie, Betroffene sicher an spezialisierte Fachkräfte weiterzuvermitteln. Wie Dr. Wahida erläutert, gehört dazu auch, „Familienmitgliedern mit Respekt und Empathie zuzuhören“.

Was das konkret bedeutet, zeigen Situationen aus dem Alltag: Eine Mutter, die nach der Geburt ihres Kindes unter psychischen Belastungen leidet, kann im vertraulichen Gespräch Unterstützung erhalten, auf bestehende familiäre Hilfsangebote aufmerksam gemacht und bei Bedarf an geeignete Fachstellen vermittelt werden.

Auch wenn ein Kind nach einer belastenden Erfahrung Anzeichen psychischer Probleme zeigt, können die Gesundheitshelferinnen seine Bezugspersonen beraten, einen verständnisvollen Umgang fördern und bei Bedarf weiterführende Hilfe vermitteln.

Gesundheitshelferinnen qualifizieren und lokale Strukturen stärken

In der ersten Phase des Programms wurden 50 Gesundheitshelferinnen aus Webergemeinschaften in der Provinz Bamyan geschult, die mit Turquoise Mountain zusammenarbeiten.

Das Programm ist auf eine langfristige Weitergabe von Wissen ausgelegt. Durch die Ausbildung von Dr. Wahida verbleibt die fachliche Kompetenz im lokalen Gesundheitsteam von Label STEP und kann in künftigen Schulungen an weitere Gesundheitshelferinnen vermittelt werden.

Weibliche Gesundheitshelferinnen übernehmen in Afghanistan eine besonders wichtige Rolle bei der Versorgung von Frauen und Kindern. Bei regelmäßigen Hausbesuchen bieten sie niedrigschwellige Unterstützung und sind für viele Frauen vertraute Ansprechpartnerinnen bei gesundheitlichen Fragen. Ihre Verankerung in den Gemeinden ermöglicht eine Versorgung, die die jeweiligen sozialen und kulturellen Lebensbedingungen berücksichtigt.

Die fachliche Qualifizierung dieser Frauen trägt dazu bei, die Gesundheitsversorgung vor Ort zu verbessern und bestehende Unterstützungsstrukturen zu stärken.

Für viele Teilnehmerinnen eröffnete die Fortbildung neue Perspektiven auf den Zusammenhang zwischen körperlicher und psychischer Gesundheit. Neben psychologischer Erster Hilfe sowie Stabilisierungs- und Orientierungstechniken erweiterten sie ihre kommunikativen Fähigkeiten und lernten, psychisch belasteten Menschen empathisch zu begegnen, Vertrauen aufzubauen und angemessene Unterstützung anzubieten.

Die Bedeutung dieser Kompetenzen reicht über einzelne Beratungsgespräche hinaus. Das Programm soll die Handlungssicherheit der Gesundheitshelferinnen stärken, den Zugang zu bedarfsgerechter psychosozialer Unterstützung verbessern und vorhandene Hilfsnetzwerke innerhalb der Webergemeinschaften festigen.

„Wenn wir das Wissen und die Fähigkeiten der Gesundheitshelferinnen stärken, verbessern wir die Qualität der Versorgung, erleichtern Familien den Zugang zu Gesundheitsleistungen und fördern die Gesundheit und das Wohlbefinden der gesamten Gemeinschaft.“

Dr. Wahida

Psychosoziale Versorgung langfristig verankern

Mit der Einführung des Programms in der Provinz Bamyan wurde die bestehende gemeindebasierte Gesundheitsversorgung erstmals gezielt um psychosoziale Angebote erweitert.

Das ursprüngliche Projekt wurde im Juni 2026 abgeschlossen. Die aufgebauten Kompetenzen sollen jedoch langfristig genutzt und weitergegeben werden.

Sofern neue Projekte entwickelt und entsprechende Fördermittel bereitgestellt werden können, möchte Label STEP die psychosoziale Unterstützung in Afghanistan weiter ausbauen. Ziel ist es, zusätzliche Gesundheitshelferinnen zu qualifizieren und die bestehenden medizinischen Angebote um fachlich fundierte psychosoziale Unterstützung zu ergänzen.

Die Erfahrungen aus ähnlichen Initiativen in Pakistan und Nepal fließen in diesen Ansatz ein. Damit verfolgt Label STEP das Ziel, die gemeindebasierte Gesundheitsversorgung langfristig zu stärken und die psychische Gesundheit als festen Bestandteil der Unterstützung von Webergemeinschaften zu verankern.

Quellen und weiterführende Informationen

UN Women Thematic Briefing Series: Five Years On: Afghan Women’s Futures at a Crossroads

“We are still here”: a day in the life of 12 Afghan women

The New York Times, The Women Running Businesses Under Taliban Rules (2026)

Community Health Care: Afghan Weavers Take the Lead in Crisis Response

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